SCOTTIE POST

 

Vielleicht geht es ihnen wie mir: Als Scottie-Besitzer wird man oft von völlig fremden Leuten auf der Strasse angesprochen. Schnell kommt es zu einer Unterhaltung und natürlich auch zur Gretchenfrage der Hundebesitzer: »Wie sind Sie denn zum Scottie gekommen? « Das ist in meinem Fall eine etwas längere Geschichte. Es mag komisch klingen -aber bis Mitte der 80er Jahre habe ich nicht gewusst, dass es diese Hunderasse gibt. Ich weiß, das ist eine Bildungslücke; aber ich habe auch schon eine Entschuldigung parat. Ich bin in der Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf im Erzgebirge aufgewachsen. Dort haben sich Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt - Scotties waren nicht dabei,.. Die Leute waren damals alle sehr arm und hatten andere Sorgen als Rassehundezucht oder -haltung. Im Ort gab es einige Mischlinge, Schäferhunde, zwei Spitze und einen Pudel. Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, je bewusst einen Scottie gesehen zu haben. Aber eines war eigenartig.

 

Solange ich denken kann, habe ich mir sehnsüchtig einen kleinen, schwarzen Hund ge­wünscht. Aber da war meine Mutter. Die sagte immer: «Zu uns kommt kein Tier ins Haus! « So gab es nur nützliche Tiere, die man essen konnte, auf unserem Hof. Wir hatten Hühner, Gänse, Stallhasen und ein Schaf, und ich habe von klein auf viel Arbeit mit den Tieren gehabt. Ich hatte sie auch sehr gern und verbrachte meine ganze Zeit mit ihnen. Aber da sie nur kurze Zeit Teil meines Lebens waren, habe ich sie  nicht so tief in mein Herz gelassen. Das war reserviert für einen Hund. Mein Vater war schon kurz nach meiner Geburt gestorben und ich weiß noch, dass ich mir als Kind immer die Frage stellte, was wohl besser wäre: ein neuer Vater oder ein Hund? Da beides so großartige Dinge waren, glaubte ich, mir nur eines wünschen zu dürfen... Oft malte ich es mir in den schillerndsten Farben aus: einen starken Vater, der mich beschützen würde. Nach reiflicher Überlegung und eingedenk der Tatsache, dass die meisten Väter meiner Freundinnen keine Zeit für ihre Töchter hatten und nach der Arbeit im Gasthaus saßen, kam ich zu dem Schluss, dass ein Hund bestimmt besser wäre. In meinen Träumen habe ich ihn immer wieder vor mir gesehen und in seinen  Augen das Glück der Welt gefunden.

Aber leider blieb es ein Traum. Mit 14 Jahren durfte ich endlich allein in die Stadt, Durch Zufall sah ich einen kleinen, schwarzen Welpen. Den musste ich haben! Ich arbeitete den ganzen Sommer lang für 1,14 DM Stundenlohn in einer Strumpffabrik, um das Geld für den Welpen zu verdienen. Es war ein teurer Rassehund. Ein Pudel für 500,-- DM das war damals ein Vermögen. Aber ich schaffte es das Geld zu verdienen und ich war sehr stolz und glücklich, als ich ihn endlich mit nach Hause nehmen durfte. Auch bei meiner Mutter konnte ich mich endlich durchsetzen. Ich übernahm die gesamte Verantwortung und lernte sogar, wie ein Pudel richtig geschoren wird. Von dieser Zeit an war der Pudel das einzig Konstante in meinem Leben. Es kamen andere Wohnorte, 4 Kinder und 1984 dann die Übersiedlung in die Bundes­republik. Natürlich ging ein Pudel mit über die Grenze, denn auch hier galt: »Nicht ohne meinen Hund! «

 

Später wollten meine Töchter einen eigenen Vierbeiner. Natürlich das Gegenteil von dem, was Mutter hatte. Weiß sollte er sein, ein Westie. Also machte ich mich auf die Suche und fand einen Zuchtwart, der mich zu einem Westiezüchter begleiten wollte. Mein Mann fuhr mich zum verabredeten Termin, blieb aber im Auto sitzen. Als ich das Haus des Zuchtwartes betrat, kamen mir einige merkwürdige Hunde entgegen. Sie hatten lange Schnauzen, waren dunkel und wirkten leicht gelangweilt. Einige kamen auf mich zu, beschnüffelten mich, wedelten kurz mit dem Schwänzchen und kehrten mir alsdann den Rücken, um wieder in ihren Körben zu verschwinden. Doch was geschah mit mir? Ein unbeschreibliches Gefühl überkam mich. Diese Hunde zogen mich magisch an. Eine dunkle, fast schwarze Hündin kam wieder zu mir. Sie sah mich an und ihr Blick öffnete eine Tür zu meiner Seele, von der ich gar nicht mehr wusste, dass es sie noch gab. Ein Gefühl der Freude und Wärme durchflutete mich Ich war ein wenig verwirrt. Mir fiel ein, dass ich ja eigentlich wegen eines Westie hier war. Dennoch stellte ich wie von selbst Fragen nach dieser eigen­artigen Hunderasse. Den Inhalt der Unterhaltung habe ich gar nicht richtig mitbekommen, war ich doch in Gedanken ver­sunken. Als meine Gast­geberin erwähnte, dass die kleine Hündin neben mir abzugeben sei, nahm ich sie auf den Arm und damit in mein Herz.

 

Da war es wieder - dieses gute Gefühl, das ich als junges Mädchen empfun­den hatte, wenn ich nach Wochen Aufenthalt in der Stadt nach Hause kam und mir der Duft von Omas Eintopf schon auf der Treppe in die Nase stieg. Ja, es war wie zuhause ankommen. Für mich, die mir schon lange keine Heimat mehr hatte, war es einfach überwältigend. Spontan kaufte ich das »kleine Glück«. Mein Mann schlief, als ich zum Auto kam. Ich weckte ihn. Noch ganz verschlafen murmelte er: »Das ist doch kein Westie. Weißt du überhaupt, was du willst? Wie kann man nur so schnell seine Meinung ändern? « Irgendwie muss er aber bemerkt haben, wie glücklich ich aussah, denn nach einigen weiteren spitzen Kommen­taren ließ er mich in Ruhe. Und er tat gut daran, denn eines hatte er in all den Jahren des Zusammenlebens mit mir gelernt: Wenn sich seine Frau etwas in den Kopf gesetzt hat, dann führt sie es auch aus, denn sie hat einen Willen wie ein Presslufthammer und die Argumente gehen ihr niemals aus. Die Heimfahrt dauerte Stunden, und mein Mann war leicht verstimmt, weil ich ihn nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Und ich? Ich hielt mein Scottie-Mädel im Arm, das Gesicht in ihrem Fell vergraben. Ich war einfach glücklich! Meine Töchter und ihren Wunsch hatte ich total vergessen. Aber ich hatte Glück: auch sie waren gleich von der kleinen Hundedame verzaubert. Ich fand eine ehemalige Scottie-Züchterin in der Nähe. Sie lieh mir Literatur über die Rasse und brachte mir das Trimmen bei.

 

Natürlich wollte ich auch züchten, denn das bloße Anschauen meines Scotties machte mich glücklich und ich meinte, es müsste allen Leuten so gehen wie mir. Kurze Zeit später kam meine Mutter zu Besuch. Sie fand die kleine Hündin ganz nett - nicht so schön wie einen Westie, aber na ja, ihre Tochter war schon immer etwas eigenwillig. Ein paar Tage, nachdem Mutter abgereist war, kam ein Brief von ihr. Als ich ihn öffnete, fielen einige vergilbte Fotos heraus. Ein kleines Mädchen war darauf zu sehen. Auf der Rückseite eines Bildes stand: »Christina, 2 1/2 Jahre alt. « Ja... ich konnte mich wiedererkennen. Es waren viele verschiedene Szenen aus meinem Leben festgehalten. Immer hatte ich einen schwarzen Scottie dabei.

 

Mal war er an der Leine, mal im Puppenwagen, aber meistens hielt ich ihn ganz fest an mich gepresst! Das war des Rätsels Lösung! Meine West-Oma hatte mir einen lebensgroßen Steiff-Scottie geschenkt. Den hatte ich, wie mir Mutter später erzählte, so ins Herz geschlossen, dass ich ihn nicht mehr aus den Augen ließ. Ich schleppte ihn mit zum Stall, er begleitete mich in den Wald, ich spielte Zirkus mit ihm, brachte ihm bei, wie er unser einziges Schaf hüten musste, fuhr ihn im Puppenwagen spazieren, fütterte ihn. und brachte ihn trotz Regen und Schnee in den Garten, damit er »Pfützi« machen konnte. In meiner Fantasie vergaß ich ganz, dass er nur ein Spielzeug war. Wie Sie sich denken können, ging das nicht lange gut. Nach annähernd einem Jahr bestand der arme Kerl nur noch aus Flicken und Nähten. Die Holzwolle quoll aus ihm hervor und ich behandelte ihn nur noch sehr vorsichtig, Scottie saß nun auf der Fensterbank und wir schauten gemeinsam hinaus. Eines Tages fiel er herunter und mein Großvater hob ihn auf. Dabei rieselte wieder Holzwolle heraus. Wortlos öffnete Opa die Ofentür und steckte ihn ins lodernde Feuer. Ich stand dabei und war vor Entsetzen wie gelähmt. Ich habe nicht geweint, aber wochenlang nicht gesprochen. Die Fotos und alles, was an Scottie erinnerte, wurden eingesammelt und vor mir versteckt. Ja... ich denke, das wird der Ursprung meiner Scottie-Sehnsucht gewesen sein. Ich bin jetzt glückliche Besitzerin von vier wunderbaren Scottie-Mädels und viele Babies sind im Laufe von nun 15 Jahren unter dem Namen »Paisley« in meinem Haus und an meinem Herzen groß geworden. Sie alle machen mich glücklich und sind ein Stückchen vom Puzzle meines Lebens.

Also, liebe Leser: Bitte denken Sie immer gut darüber nach, was Sie einem Kind schenken. Es kann für das ganze Leben richtungweisend sein. Stellen Sie sich nur mal vor, was aus mir geworden wäre, wenn mir meine Grossmutter einen Elefanten geschickt hätte...

 

©  Christina Frank 2004

 

 

Diesen Beitrag, viele  Erzählungen, Scottie-Märchen, Satire und viele wunderschöne Fotos, können Sie in den Scottie-Büchern von Ute Luig finden..

 

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